Copyright © Frankfurter Rundschau 17. September 2001

Ausstellung einmaliger Kunstobjekte sorgt für Streit

Heidelberg zeigt Prinzhorn-Sammlung mit Werken von Euthanasie-Opfern / Kritiker: Verhöhnung der Ermordeten

Von Peter Novak (Berlin)

Scheinbar zufrieden blickt die Frau mittleren Alters in die Kamera. Mit den Händen stützt sie eine überlebensgroße, mit Stroh gefüllte Puppe mit deutlich erkennbarem männlichen Geschlechtsteil, die sie gerade fertig gestellt hat. Doch die Idylle täuscht. Die Künstlerin Katharina Deitzel war Insassin einer psychiatrischen Klinik und wurde unter den Nazis Opfer der Euthanasiemorde.

Schon Jahrzehnte vorher wollte sie mit Selbstmorddrohungen ihre Verlegung aus der Isolierzelle erreichen. Vergeblich, die Anstaltsleitung ersetzte lediglich die Matratze in ihrem Bunker durch Stroh.

Seit dem Wochenende kann die Fotografie der weithin unbekannten Künstlerin samt ihrem Werk in einem Pavillon auf dem Gelände der Heidelberger Universitätsklinik besichtigt werden. Das Exponat gehört zu den ungefähr 5000 Bildern, Skulpturen und Texten, die der Psychiater Hans Prinzhorn zwischen 1919 und 1921 sammelte. Obwohl die Sammlung in den 20er Jahren in Kunstkreisen als Sensation gefeiert wurde, blieb sie jahrzehntelang der Öffentlichkeit verborgen.

Von vielen der 435 Künstler aus Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Namen nicht bekannt. 16 Künstler sind nachweislich Opfer der Euthanasiemorde unter den Nationalsozialisten geworden. Ein Teil der Werke wurde damals im Rahmen der berüchtigten Naziausstellung "Entartete Kunst" gezeigt. In den Nachkriegsjahren war die Ausstellung jahrzehntelang verschollen. Erst Ende der sechziger Jahre wurden einzelne Kunstwerke im Rahmen von Ausstellungen präsentiert.

Dass die Exposition jetzt mit einem großen Begleitprogramm und Kolloquien in Heidelberg eröffnet wurde, rief allerdings auch Kritiker auf den Plan. Die Antifaschistische Initiative Heidelberg sprach in einer Presseerklärung von einer "Verhöhnung der Opfer" durch die Präsentation in Heidelberg. Der "Landesverband der Psychiatrieerfahrenen" Berlin-Brandenburg wiederum will die Prinzhorn-Sammlung in eine noch zu errichtende Gedenkstätte für die Euthanasieopfer der Nationalsozialisten eingliedern. Die Gedenkstätte soll nach ihren Plänen im Zentrum Berlins in der Tiergartenstraße 4 entstehen, wo die Nazis die auch als "T4-Aktion" bekannten Euthanasiemorde vorbereiteten.

Auf getrennten Pressekonferenzen stellten Befürworter und Gegner der Heidelberger Ausstellung im Vorfeld der Eröffnung noch einmal die unterschiedlichen Konzepte vor, die sich hinter dem Streit um den Standort verbergen. Während die Historikerin Bettina Brand-Claussen, die im Auftrag der Universität über die Prinzhorn-Sammlung forscht, dem Namensgeber "eine erfolgreiche Sammeltätigkeit und eine erste, noch heute beachtete Bearbeitung der Werke" bescheinigt, ist der Arzt für den Sprecher des "Landesverbandes der Psychiatrieerfahrenen", René Talbot, kein Vorbild. "Was Prinzhorn bekannt gemacht hat, ist die Plünderung der künstlerischen Werke psychiatrisierter Menschen für die Gründung eines psychopathologischen Museums. Dabei raubte er ihnen das Letzte, was ihnen als Urhebern gehörte, ihre künstlerischen Werke." Zudem habe sich Prinzhorn in den letzten Jahren seines Lebens durch hitlerfreundliche und antisemitische Schriften als Namensgeber der Ausstellung diskreditiert.

Mit der Ausstellungseröffnung ist der Streit um den Standort nicht beendet. Dabei dürfte ein Kompromiss nicht so schwer sein. Weil nur ein Bruchteil der Exponate in dem Heidelberger Pavillon Platz findet, könnte mühelos eine weitere Ausstellung in Berlin mit Kunstwerken aus der Prinzhorn-Sammlung bestückt werden.

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