Museum der Wahnsinnigen Schönheit

Dipl.Ing. Annette K. Lorenz


Leserbrief:
FAZ Nr. 9 vom 12. 01. 00 im Feuilleton S.43 "Wem gehört der Eigensinn?"

Berlin den 17.02.00

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es befremdet mich, einen Artikel in ihrer Zeitung zu finden, der unsauber recherchiert ist, sich unkorrekter Begriffe bedient und auf subtile Verunglimpfungen zurückgreift.

1.) Nach dem international gebräuchlichen ICD-10 ( Internationale Klassifikation psychischer Störungen ) der Weltgesundheitsorganisation in der Auflage von 1999 gibt es weder die Begrifflichkeit"geisteskrank" noch diejenige des"pathologischen". Selbst der Begriff der psychischen oder psychiatrischen Krankheit" ist nicht mehr gebräuchlich, denn auch die allerneuesten Forschungsergebnisse lassen ( noch ) nicht den Schluß zu, daß es sich um eine Erkrankung handelt. Es gibt Mengen an Theorien im Bereich der Psychiatrie; doch nur wenigen außerhalb der Fachschaft ist bekannt (und dort wird es gerne vergessen"), daß es sich AUSSCHLIEßLICH um Theorien handelt. Herr Beaucamp möge sich doch bitte des etwas großzügigeren Gebrauchs der Anführungsstriche befleißigen. Oder werden wir auch bald wieder Begriffe wie "Nigger" etc. in ihrer Zeitung ohne diese Strichlein sehen?

2.) Zu der Zitierung des Berliner Anwalts Prof. Dr.Peter Raue, einem Spezialisten des Urheberrechtes- bei ihm gilt die psychiatrische Heidelberger Uniklinik eben nicht als Eigentümerin. Das Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen, denn der Beginn des Satzes lautet

"im Ergebnis bleibt festzuhalten:

Soweit die Maler nicht entmündigt waren, ist die gesetzliche Vermutung des Eigentums des Trägers der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg kaum widerlegbar. Das Land Baden-Württemberg oder die Universität Heidelberg gilt als Eigentümer dieser Bilder.
Eigentümer der hier fraglichen Bilder sind die Erben und Erbeserben der Künstler."

Zwar ist die Klinik Besitzerin der hier fraglichen Bilder, aber eben nicht Eigentümerin. Vielleicht legt Herr Beaucamp keinen Wert auf solche verbale Spitzfindigkeit, unsere deutsche Rechtsprechung sieht aber genau darin einen erheblichen Unterschied.
Er sollte sich daher seine Äußerungen die er, wie er ein paar Zeilen später glaubt, auch ohne juristischen Sachverstand machen zu können, besser sparen

3.) Da es nur einen Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen" ( BPE ) gibt, wird es wohl korrekterweise des Bundesverbandes heißen müssen und nicht eines Bundesverbandes. Wie dann allerdings der BPE die wundersame Verwandlung zu einem "Berliner Patientenverbandes" in dem Artikel schafft, kann wahrscheinlich nicht einmal der Autor selbst erklären.

4.) Prof. Carl Schneider war mitnichten ein "Schreibtischmörder"; er hat sich aktiv und maßgeblich an den Experimenten beteiligt. Er war praktizierender "Forscher" und Lehrender in der Klinik.

5.) Der Autor verschweigt, was vielleicht auch dem einen oder anderen (Psychiatrielaien) Leser ein unbehagliches Gefühl vermitteln würde:
daß von Schneider persönlich ausgebildete Assistenzärzte noch bis in die 90er Jahre als Ärzte dort gearbeitet haben. Er erwähnt auch nicht die äußerst diffizilen Themen
a)daß Ergebnisse der damaligen Experimente' für die Wissenschaft verwendet werden b)daß eine gründliche und kritische Aufarbeitung des Themas Psychiatrie und NS-Zeit durchaus nicht stattgefunden hat und unsere deutsche Psychiatrie immer noch stark vom Geist einer biologistischen und defizitären Betrachtung beherrscht wird, welche ihre Wurzeln in jener Zeit findet.

Aber die Psychiatrie war schon immer ein totgeschwiegenes Thema. Warum sollte der Autor sich nun ausgerechnet differenzierter informieren und äußern zumal die biologistische Psychiatrie durch die Gentechnik gerade wieder Morgenluft wittert Herr Beaucamp nimmt wohl nur mit dem richtigen Gespür vorweg, wohin der Trend geht.

6.) "Absurd ist es, wenn sich die Nachkommen der Täter (und der Opfer) gegenseitig beschuldigen. Beide sind gleichermaßen zu Aufklärung und Wiedergutmachung verpflichtet."

Die Nachkommen der Opfer sind zu Aufklärung und möglicher Wiedergutmachung verpflichtet? Herr Beaucamp erschließt damit eine völlig neue Sichtweise. Ich denke, selbst der Zentralrat der Juden in Deutschland dürfte dadurch noch zu verblüffen sein.

7.) Die Bilder wurden nicht systematisch konserviert. Möglich, daß sie zumindest katalogisiert und vor dem gröbsten Verfall gerettet wurden. Von einer systematischen und fachgerechten Konservierung kann jedoch Oberhaupt nicht die Rede sein. In Berlin würde dies die Stiftung "Preußischer Kulturbesitz" übernehmen, welche in solchen Fragen recht versiert sein soll....
Die universitäre Anbindung für die Erforschung ist schon jetzt vereinbart.

8.) "Bewahrt ist hier eine urtümliche, unverstellte, zum Teil explosive Kreativität, die heute angesichts besserer Behandlungsmethoden in dieser Weise nicht mehr zum Durchbruch kommt." Ein"historisches Erbe..... daß mit der Höhle von Lascaux verglichen werden kann."

a) sie kommt zum "Durchbruch", denn es gibt Menschen, weiche auf die"besseren" Behandlungsmethoden dankend verzichten- und auch noch malen.

b) sie würde noch öfter zum "Durchbruch" kommen, wenn man in der deutschen Psychiatrie von der Zwangsmedikation ( manchmal auch höflich mit Bedarfsmedikation umschrieben) Abstand nehmen würde ( Körperverletzung )

c) die besseren Behandlungsmethoden bestehen aus einem Revival der Elektroschocks und einem Zubomben mit Haldol etc. bei "akuten Fällen"; der Autor sollte vielleicht eine der ,verbesserten' Behandlungsmethoden ausprobieren- nur warum sollte er mutiger sein als die Mehrzahl der Psychiater, Neurologen und Psychologen? Die Medikamente haben schwere Nebenwirkungen und Spätschäden zur Folge, von der Verarmung des intellektuellen und emotionalen Erlebens ganz zu schweigen. Zwar weisen neueste Generationen von Neuroleptika diese Begleiterscheinungen nicht mehr in diesem Maße auf-
allerdings sind ihre Langzeitfolgen noch nicht erforscht, zweitens kommen viele nicht in den Genuß dieser sehr teuren Medikamente, und drittens ist es immer noch Körperverletzung, wenn ein Mensch diese Medikamente nicht nehmen möchte, weil ihm sein Geist, so wie er ist, gefällt.

d) die Prinzhorn- Sammlung kann also mit der Höhle von Lascaux verglichen werden - der "Schizophrene" als das letzte heute noch lebende Exemplar des Steinzeitmenschen, ausgestattet mit dessen urtümlicher, unverstellter Kreativität ?

Dies ist nur eine Auflistung der gröbsten Schnitzer des Herrn Beaucamp.
Er beschwert sich über Polemik und benutzt sie ausgiebig. Vielleicht sollte er zuerst darüber nachdenken, wie er das Ganze denn beurteilen würde, wenn einer seiner Verwandten sich zur damaligen Zeit in der Uni- Klinik Heidelberg befunden hätte. Vielleicht würde er dann nicht mehr von Polemik sondern von realistischer Wut und Aufgebrachtheit sprechen.

Möglicherweise würde auch eine Recherche bei den heutigen regelmäßigen Nutzern der

Psychiatrie, und zwar sowohl bei den Freiwilligen als auch bei den Zwangseingewiesenen und Zwangsfixierten , dazu verhelfen, seinen leicht verengten Horizont zu erweitern. Für seine Artikel wäre das sicher eine Bereicherung.

Ferner dürfte wohl kein Zweifel daran bestehen, daß diese Ausstellung in Berlin, in direkter Umgebung von Philharmonie, Neuer Nationalgalerie, Kunstbibliothek ( kurz: Kulturforum ) und 150 m vom Potsdarner Platz entfernt, einen starken Zulauf hätte und damit seiner Funktion als Gedenkstätte besser dient als in einer Psychiatrie in Heidelberg, wo sich, außer der Fachschaft und den Patienten, sowieso keiner hineinwagt.

Auch stellt sich Herr Beaucamp nicht die Frage, warum die Uni-Klinik Heidelberg es im Verlauf von 55 Jahren nicht geschafft hat, das Museum zu errichten ( im übrigen wollten sie es tatsächlich in besagtem Hörsaal unterbringen ), obschon seit 1920 geplant? Und dabei frage ich noch freundlich, rechne also erst ab 1945.

Herr Beaucamp irrt auch, wenn er glaubt er könnte Psychiatrie- Klienten diskreditieren, weil diese
a) eine verschwindende Minderheit darstellen
( 520.266 stationäre Aufnahmen im Jahr 1998 plus eine unbekannte Anzahl ambulanter Behandlungen und Therapien, Quelle: Statistisches Jahrbuch 1998 )

b) und garantiert nicht FAZ lesen
Denn gerade bei Intellektuellen, Wissenschaftlern, Künstlern, Literaten etc. ist die bipolare Störung ( früher: manisch- depressives Irresein, falls ihm das mehr zusagt ) recht verbreitet. Nach diesem Artikel werden all diese ihre Leser aufatmen, daß sie nie jemandem von diesem 'Geheimnis' erzählt haben, denn sonst würde ihre Umwelt sie in die von Herrn Beaucamp munter festzementierten Schubladen stecken. Aber vielleicht können sie dort ihre "urtümliche, unverstellte Kreativität" ausleben, unsere armen Steinzeitrelikte ?

Ja, sehr schade, Herr Beaucamp hat nicht zu einer ausgewogenen Meinungsbildung beigetragen, somit also auch ihre Zeitung nicht.
Man erwartet ja eigentlich auch von jemandem, der nur eine Seite verdeutlichen möchte, daß er zumindest eine brauchbare Quelle angibt, unter der man sich auch über die Darstellung der Gegenseite informieren kann, z.B. www.psychiatrie-erfahrene.de unter "Haus des Eigensinns". denn wie man mir von dem prominenten Freundeskreis als auch von den Psychiatrie-Erfahrenen mitteilte, hat Herr Beaucamp keinerlei Kontakt zur Recherche aufgenommen. Sollte der Artikel eventuell ein Freundschaftsdienst für jemanden von der Heidelberger Uni-Klinik gewesen sein ?

Ich bin eine gebildete Frau, höflich und charmant; daher erfolgt meine Einschätzung auf hohem geistigen Niveau:
mit Verlaub Herr Beaucamp, Sie sind ein Brschmoch.

Mit unerfreutem Gruß

Annette K. Lorenz
( PSYGOS e.V. i.Gr.)



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