Museum der Wahnsinnigen Schönheit
Vorwort

Die folgende Arbeit möchte den konzeptionellen Rahmen für die geplante Gedenkstätte an die Opfer der „Euthanasie" und das „Museum der Wahnsinnigen Schönheit" in Berlin abstecken. Anliegen der Initiatoren ist hierbei auch die Ausstellung der „Prinzhorn Sammlung"; daher wird in dem ersten der vier Abschnitte umfassenden Überlegungen auf diese im einzelnen, auch aus kunsttheoretischer Sicht, eingegangen. Hierauf folgt eine zweiteilige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Gedenkstätte, der „Euthanasie" im nationalsozialistischen Deutschland, wobei besonderes Gewicht auf geistesgeschichtliche und wissenschaftstheoretische Hintergründe der Ereignisse gelegt wird. Das vierte Kapitel befaßt sich mit der Bedeutung von Kunst als geeignetes Medium zur Annährung an das „Euthanasie"-Geschehen und damit ebenfalls mit Kunsttheorie.
Die Orientierungen des geplanten Projekts und das dessen Ausgestaltung umfassende inhaltliche Spektrum werden umrissen. In diesem Sinn möchte ein Ansatzpunkt geboten werden zur weiteren Arbeit und zur Konkretisierung der Initiative.
 

© Petra Storch


AUSZUG AUS DER INHALTLICHEN KONZEPTION



"Euthanasie" im Nationalsozialismus - Opfer, Täter (Absatz 9):

Im Rahmen der geplanten Gedenkstätte soll auf die Rolle der Medizin und der Biologie in Hinblick auf die Entwicklung hin zur „Euthanasie" eingegangen werden. In dieser Hinsicht wird eine frühzeitige - bereits vor dem Ersten Weltkrieg - Verquickung biologischer und medizinischer Prämissen deutlich. Bezogen auf psychische Erkrankung läßt sich feststellen, daß die Geisteskrankheit bereits mit der Aufklärung zu den Belangen der Medizin gehörte, was in voraufklärerischen Zeiten so nicht gegeben war. Aus der medizinischen Zuständigkeit entstand mit der Eugenik der biologisch-genetische Blick auf den Wahnsinn. Gleichzeitig wurden soziale Tatbestände, so die Armut, aus dieser Perspektive betrachtet. Das menschliche Bewußtsein wurde aus religiösen Sphären entthront und im Zuge des Materialismus des 19. Jhdts. zu einer Funktion des „Keimplasmas". So wurde Armut, und ebenso die Geisteskrankheit, als genetischer Ausfall definiert. Die Anwendung der Vererbungslehre auf soziologische Zusammenhänge lag nahe, da man bereits eine genetische Ursache für psychische Alogismen, für abweichendes Verhalten konstruiert hatte, und man nun Armut nur noch als ebenso abweichendes Verhalten zu kategorisieren brauchte. Diese pseudowissenschaftlichen Verquickungen legten den Grundstein für die spezifisch nationalsozialistische Bedeutung der „Psychopathie", welche tausenden, sehr unterschiedlichen Menschen zum Verhängnis wurde.
 

"Euthanasie" im Nationalsozialismus - Opfer, Täter (letzter Absatz):

Ebenso soll im Rahmen der Gedenkstätte der Frage nachgegangen werden, weshalb gerade Menschen mit psychischen Leiden, ebenso wie körperlich oder geistig Behinderte, dem Vernichtungsfeldzug zum Opfer fielen; die Vermengung der Begriffe „Asozialität" und „psychische Abweichung" soll beleuchtet werden. Die Geschichte also der den Opfern der „Euthanasie" zugewiesenen Etiketten soll Gegenstand der Auseinandersetzung sein, ihr Charakter detailliert untersucht werden.
 

"Euthanasie" im Nationalsozialismus - Mitgefühl (die beiden letzten Absätze):

Im Zusammenhang mit der geplanten Gedenkstätte stellt sich die Frage, inwieweit Mitgefühl von den Nachgeborenen eingefordert werden kann. Die emotionale Haltung den Opfern gegenüber bleibt dem sich mit den historischen Fakten Auseinandersetzenden überlassen. Wünschenswert ist ein Sich-Verständigen über ethische Grundvoraussetzungen, Orientierungen innerhalb einer Gesellschaft. Hierzu möchte die geplante Gedenkstätte einen Beitrag leisten.

Emotionen sind generell nicht einklagbar; die Mitglieder einer Gesellschaft können sich wechselseitig auf deren inneren Zustand hin befragen und versuchen, einen Konsens herzustellen, welcher in einer offenen, demokratisch bemühten Gesellschaft nur rationaler Natur sein kann. Die emotionale Verrohung, Brutalisierung, wie sie in Deutschland unter nationalsozialistischer Herrschaft stattgefunden hat, soll den Nachgeborenen bekannt sein. Anliegen ist insofern die Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst und ihre Geschichte.
 

Kunst (die beiden letzten Absätze):

Im Rahmen der geplanten Gedenkstätte wird es als wichtig erachtet, gerade auf das Leben der realen und potentiellen Opfer hinzuweisen, nicht zuletzt, um deutlich zu machen, welche Gesellschaftsmitglieder zwischen 1933 und 1945 ausgegrenzt und schließlich ermordet wurden, welchen Menschen also das Recht auf Leben abgesprochen wurde. Dieser Aspekt ist für die konzeptionelle Entwicklung der geplanten Gedenkstätte, neben der Dokumentation der stattgefundenen Verbrechen, also von besonderer Wichtigkeit.

Abschließend läßt sich sagen, daß im Rahmen dieser Gedenkstätte eine umfassende, wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der „Euthanasie" angestrebt wird. Durch deren Ausgestaltung soll die Öffentlichkeit über die historischen Tatsachen aufgeklärt und für die Lebenszusammenhänge und Umstände der potentiellen und realen Opfer sensibilisiert werden. Ein Forum wird intendiert, welches die Auseinandersetzung mit der Thematik in einer kommunikativen Atmosphäre ermöglicht. Die der „Euthanasie" zugrunde liegenden Wertsetzungen sollen offen gelegt werden.

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