Museum der Wahnsinnigen Schönheit

Presseerklärungen:

 


 

P r e s s e e r k l ä r u n g

des Freundeskreises des Museums
„Haus des Eigensinns"


Am 26. Januar 1998 hat sich in Berlin ein „Freundeskreis des Museums ,Haus des Eigensinns’ " konstituiert, dessen Ziel es ist, an der Errichtung einer Stiftung sowie eines Museums mitzuwirken, das unter dem Namen „Haus des Eigensinns" an der historischen Stätte Tiergartenstraße 4 in Berlin errichtet werden soll.

Die Mitglieder des Freundeskreises sind Frau Dorothea Buck sowie die Herren Henry Friedlander, Bischof Wolfgang Huber, Ellis Huber, Walter Jens, Norbert Kampe, Horst-Eberhard Richter, Ram Ishay sowie Peter Raue.

Das geplante Museum wird eine Gedenkstätte und Mahnmal für die Opfer der „Euthanasie" im nationalsozialistischen Deutschland sein. Außerdem unterstützt der Freundeskreis die Initiative des Bundesverbandes PsychiatrieErfahrener (BPE), dessen Ziel es ist, Werke der Prinzhorn-Sammlung von ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsort in der Universitätsklinik Heidelberg zur dauernden Ausstellung in das zukünftige Museum zu überführen.

Zumindest zwei Gründe streiten für diese Initiative:

Der Freundeskreis ist mit dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener der Ansicht, daß die Prinzhorn-Sammlung - die berühmteste Sammlung der Kunst von sogenannten Geisteskranken - die Heimat jedenfalls nicht allein und ausschließlich in Heidelberg haben sollte, an dem Ort, an dem der schlimmste ärztliche Repräsentant des Euthanasie-Programmes - Professor Schneider gewirkt, entwürdigende Experimente an geisteskranken Menschen ausgeübt und seinem zweifelhaften Forschungsinstitut zur Verfügung gestellt hat.

Wichtige Teile der Prinzhorn-Sammlung in der Tiergartenstraße 4 auszustellen, scheint dem Freundeskreis aber auch deshalb sinnvoll, ja erforderlich, weil von diesem Ort die sogenannte Aktion T4 (T4 steht für Tiergarten 4) organisiert und durchgeführt wurde. An diesem Ort hatte das aus verschiedenen NS-Einrichtungen bestehende Amt seinen Sitz, das unter dem Titel „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" die systematische Registrierung und Tötung geistig Behinderter organisierte. An diesem historischen Ort kann das Ziel des Freundeskreises, Verständnis zu wecken für die Probleme der Mitmenschlichkeit und Menschenwürde im Rahmen psychiatrischer Maßnahmen, am besten verwirklicht werden.

Mit der Gedenkstätte „Topographie des Terrors", mit dem „Haus der Wannsee-Konferenz" und dem Holocaust-Denkmal hat Berlin verschiedene Stätten, die an das Unrecht erinnern, das durch die Nationalsozialisten geschehen ist. In diesem Kontext wird das Haus des Eigensinns diesem dunklen und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Kapitel der deutschen Geschichte eine würdige Gedenkstätte sein.

Der Freundeskreis des Museums „Haus des Eigensinns" wird in den nächsten Tagen die Universität Heidelberg und den Landtag von Baden-Württemberg um die dauernde Leihgabe von Bildern der „Prinzhorn-Sammlung" an den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) bitten, der als legitimer Sachwalter der Interessen der Schöpfer der Kunstwerke auftreten kann. Mindestens soll hinsichtlich der nunmehr öffentlich gewordenen Pläne, die Prinzhorn-Sammlung in einem früheren neurologischen Hörsaal der Universität Heidelberg auszustellen, ein Moratorium erreicht werden, um eine breite Diskussion über den Verbleib der Sammlung und der Verteilung der hierfür bereitstehenden Fördermittel zu eröffnen.

Der Freundeskreis wird ferner den Berliner Senat auffordern, das Museumsprojekt dadurch zu unterstützen, daß das Grundstück im Bezirk Tiergarten für diese Gedenkstätte freigegeben wird.

Sobald die Realisierung dieses Vorhabens möglich wird - das Grundstück zur Verfügung steht und Teile der Prinzhorn-Sammlung nach Berlin gelangen - wird eine Stiftung „Haus des Eigensinns" errichtet, die von einem privaten Stifter mit einem Kapital von
1,75 Mio. DM ausgestattet werden wird. Der Stifter will unbekannt bleiben und hat deshalb Herrn Rechtsanwalt Professor Dr. Peter Raue gebeten, als Treuhänder zu fungieren.


 

Presseerklärung des Sprechers des Freundeskreises
"Haus des Eigensinns"
anläßlich der Pressekonferenz am Freitag den 24. 9. ´99


In seinem Buch "lst das ein Mensch" beschreibt Primo Levi, wie er von Dr. Pannwitz, Chef den chemischen Abteilung von Auschwitz, ausgefragt wird. Levi war Chemiker von Beruf. Eine Arbeit der chemischen Abteilung könnte ihn vielleicht vor der Vernichtung bewahren. Als er in seiner KZ-Uniform auf der andere Seite des Schreibtisches stand, sah Dr. Pannwitz ihn an, als blicke er auf einen Fisch im Aquarium. So war Primo Levi noch nie von jemandem angesehen worden - und er hat die Bedeutung dieses Blickes nie vergessen.
Eine Geschichte der moralischen Phantasie unserer Zeit wird die Entstehungsgeschichte dieses "Aquarium-Blickes" des Dr. Pannwitz erzählen müssen.
Hier fand eine Begegnung zweier Menschen statt, als sei sie die zweier Gattungen.

So einen Blick muß Horkheimer in der Emigration in Amerika im Sinn gehabt haben, als er schon am 28. August 1941 an Adorno schreibt:
„Die Ermordung der Irren enthält den Schlüssel zum Juden-Pogrom... Daß sie von den Zwecken und Zielen, in deren Dienst das Leben der Heutigen verläuft, nicht genauso gebannt sind wie die Tüchtigen selbst, macht die Irren zu unheimlichen Zuschauern, die man wegschaffen muß... Wieder und wieder sollte sich erweisen, daß Freiheit nicht möglich ist
1"

Wir freuen uns, daß es heute in der beabsichtigten Zusammenarbeit der Topographie des Terrors, des Haus der Wannseekonferenz und des geplanten "Haus des Eigensinns" zu dieser gemeinsamen Pressekonferenz für ein ehrendes Gedenken an die Opfer der sog. „Euthanasie" gekommen ist. Das Anliegen, in Berlin Buch eine Skulptur zur Erinnerung und Mahnung an die dort begangenen Verbrechen an den Berliner Opfern der „Euthanasie" und deren Auswaidung für die Hirnforschung von Spatz und Hallervorden zu errichten, unterstützen wir aus vollem Herzen. Es ist eine sinnvolle regionale Ergänzung zu unserem Projekt einer Gedenkstätte für die Bundesrepublik am Ort der Schreibtischtäter -Zentrale, der Tiergartenstr. 4.
Unsere Zusammenarbeit dokumentiert, daß Prof. Reinhard Kosellecks Befürchtungen, die Konkurrenz verschiedener Gedenkstätten könne zu einer Reproduktion der Nazi -Hierarchisierung führen, sich ins Gegenteil gewendet hat: kooperative Zuarbeit und dabei werden die Unterschiede der Opfergruppen nicht verkleistert, sondern ihre Individualität wird um so deutlicher.

Für Historiker ist klar: die Tiergartenstr. 4 ist der mittlere Schritt einer dreiteiligen Entwicklung: Hier am Ort der Topographie des Terrors hat das faschistische System seit 1933 per Terror die politische Absicherung seiner Herrschaft organisiert, in der Tiergartenstr. 4 wurde das spezifisch nationalsozialistische, systematische Fabrikmorden in der Gaskammer geplant, organisiert und das Mordsystem gesteuert, das dann im Januar 1942 mit dem Beschluß im Haus der Wannseekonferenz im millionenfachen Mord an den europäischen Juden in den polnischen Vernichtungslagern seinen Höhepunkt fand.

Noch ein paar kritische Worte zu Berlin Buch:
Die dort betriebene Forschung zur biotechnischen Nutzung der Ergebnisse des sog. „Human Genom Projects" wird in völliger Ignoranz der deutschen Geschichte betrieben. Die Gefahren dieser „Anthropotechniken" zur Herstellung biologischer Waffen, wie zu einer pränatalen Gleichschaltung sind offensichtlich. Mit diesen Techniken droht DIE Erfüllung des Nazitraums der „Aufrassung" und Eliminierung der angeblich „schädlichen Teile des Volkskörpers".

Deshalb ist die Angst, mit der sich angebl. Habermas gegen Sloterdijks Elmauer Rede zur Wehr gesetzt haben soll, nur zu verständlich: Werden Hasenscharten in den von Peter Sloterdijk postulierten „Regeln des Menschenparks" noch eine Existenzberechtigung haben?

Peter Sloterdijk behauptet in seinem offenen Brief an Habermas, daß die Kritische Theorie am
2. September gestorben sei und daß das Wesen der Kritischen Theorie in ihrer Dämmerung offenkundig würde:
„In ihrer älteren Version (Adorno) war die Frankfurter Schule ein gnostischer George-Kreis von links; sie lancierte die wunderbar hochmütige Initiative, eine ganze Generation in verfeinernder Absicht zu verführen."

Ganz im Gegenteil zu Herr Sloterdijks Einschätzung zeigt sich heute, wie aktuell die Frankfurter Schule und Adorno ist:
"Die Totalität der Gesellschaft bewährt sich daran, daß sie ihre Mitglieder nicht nur mit Haut und Haaren beschlagnahmt, sondern nach ihrem Ebenbild erschafft. Darauf ist es in letzter Instanz mit der Polarisierung der Spannung in Macht und Ohnmacht abgesehen. Nur denen, die wie es sind, zahlt das Monopol die Zuwendungen, auf denen die Stabilität der Gesellschaft beruht. Dies sich Gleichmachen, Zivilisieren, Einfügen verbraucht all die Energie, die es anderen machen könnte, bis aus der bedingten Allmenschlichkeit die Barbarei hervortritt, die sie ist."

Der Sprecher des Freundeskreis, René Talbot

 

Gesammelte Schriften Band 17:
Briefwechsel 1941-1948. Hrsg. von Gunzelin Schmid Noerr, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ Main 1996

 


 

P r e s s e m i t t e i l u n g
des Freundeskreis des Museums „Haus des Eigensinn"

Freundeskreis bittet Finanzsenatorin um Museumsgrundstück
in der Tiergartenstr. 4


Der Freundeskreis des Museums "Haus des Eigensinns", der sich am 26.1.1998 mit dem Ziel konstituiert hat, an der Errichtung eines Denkmals sowie eines Museums mitzuwirken, das als Gedenkstätte und Mahnmal für die Opfer der "Euthanasie" im nationalsozialistischen Deutschland erinnern soll, hat der Berliner Finanzsenatorin Frau Dr. Fugmann-Heesing am 22. Juni ein von allen Mitgliedern des Freundeskreises persönlich unterzeichnetes Schreiben überreicht. Darin wir darum gebeten, das Grundstück Tiergartenstr. 4, das in unmittelbarer Nachbarschaft zur Philharmonie liegt, für das "Haus des Eigensinns" - Museum der Wahnsinnigen Schönheit an eine Stiftung zu übergeben, die von den Mitgliedern des Freundeskreises gegründet werden soll. Mitglieder des Freundeskreises und Unterzeichner des Schreibens an Frau Dr. Fugmann-Heesing sind u.a. Prof. Henry Friedlander, Bischof Prof. Wolfgang Huber, Prof. Dr. Walter Jens, Frof.Dr. Peter Raue sowie der frühere Präsident der World Medical Association Dr. Ram Ishay, der über 19 Jahre Präsident der Israelischen Ärztekammer war.

Kurz vor der Bundestagsdebatte über die Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas dokumentiert der Freundeskreis, daß er unbeirrt an seinem Vorhaben festhält, ein Denk-Mal und Museum an der Stelle zu realisieren, von der seit 1939 das systematische Massenmorden organisiert wurde. Trotz der bisherigen Verweigerungshaltung der Universität Heidelberg, die für die Realisierung des Konzepts notwendige sogenannte Prinzhornsammlung freizugeben, ist der Freundeskreis zuversichtlich, daß es bei einer Realisierung des Projekts nicht bei weißen Wänden bleiben wird.

Bestärkt hat den Freundeskreis dabei die Äußerung von Staatsminister für Kultur und Medien,
Dr. Naumann, der sich in einem Schreiben an Prof. Raue dessen Gutachten anschließt:
"...Sie haben recht, wir sind irrtümlicherweise davon ausgegangen, daß die Universität Eigentümerin der Kunstwerke sei." Prof. Raue hatte in einem umfangreichen Gutachten nachgewiesen, daß die Universität Heidelberg die Kunstwerke bösgläubig erworben hatte und damit niemals Eigentum an den von ihr verwahrten Kunstwerken erlangen konnte.

Deshalb kann die Universität Heidelberg auch keine Copyrights an den Kunstwerken reklamieren, so daß eine größere Auswahl der Werke ab Donnerstag auf der Homepage des Projekts „Haus des Eigensinns":
http://www.fu-berlin.de/soziologie/eigensinn
weltweit zugänglich gemacht werden.

Die moralische Verpflichtung der Heidelberger Universität, die Sammlung freizugeben, ist evident: 1937 unterstütze sie die Ausstellung „Entartete Kunst", in der die Bilder der sogenannten Prinzhornsammlung den Bildern moderner Künstler gegenüber gestellt wurden, um deren „Entartung" und „Geisteskrankheit" zu belegen.
Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. hat die Heidelberger Universitätspsychiatrie aufgefordert, die Sammlung in ihren Besitz zu übertragen:
„Eine der Grundregeln der zivilisierten Menschheit ist, daß ein Mörder niemals Eigentum am geraubten Eigentum seines Opfers erlangen darf." Denn gerade die Heidelberger Psychiatrie hat sich zutiefst in die Mordaktionen verstrickt. Ihr Ordinarius für Psychiatrie Prof. Carl Schneider, T4-Obergutachter und Leiter seiner "Euthanasie"-Forschung, gilt nach Ernst Klee als das „schlimmste, bekanntgewordene Beispiel einer über Leichen gehenden wissenschaftlichen Gesinnung"1 : Schneider, erfreut über den Beitrag der Heidelberger Universitätspsychiatrie zur Pathologisierung von Kunst: „Jeder gesund und klar Denkende wird nach einem Rundgang durch die Ausstellung "Entartete Kunst" eine tiefe Befriedigung und Dankbarkeit darüber empfinden, daß ein solcher "Spuk im deutschen Leben" nunmehr endgültig der Vergangenheit angehört."2

Um die Bedeutung der Tiergartenstr. 4 für die Entwicklung der Nationalsozialistischen Mordfabriken zu verstehen, sei auf das Werk von Henry Friedlander verwiesen: „The Origins of the Nazi Genozide - from Euthanasia to the Final Solution", auf Deusch erschienen beim Berlin Verlag. Es ist offensichtlich, daß die Tiergartenstr. 4 zu einem „Unort" geworden ist; finanzielle Erwägungen können deshalb für das Land Berlin trotz einer prekären Kassenlage bei diesem Grundstück keine Rolle spielen.

Das Kulturforum als Ort der Dichter und Denker sowie der Richter und Henker (T4 und Volksgerichtshof) könnte mit dem "Haus des Eigensinns" zu einem Ort des Verstehens der Hintergründe dieser Gegensätze werden.
Der Freundeskreis hofft, daß der Berliner Senat sich dieser Sicht anschließen wird.

Schon am 28. August 1941 schreibt Horkheimer an Adorno:
„Die Ermordung der Irren enthält den Schlüssel zum Juden-Pogrom... Daß sie von den Zwecken und Zielen, in deren Dienst das Leben der Heutigen verläuft, nicht genauso gebannt sind wie die Tüchtigen selbst, macht die Irren zu unheimlichen Zuschauern, die man wegschaffen muß... Wieder und wieder sollte sich erweisen, daß Freiheit nicht möglich ist"3

Der vollständige Text des Briefes an Frau Dr. Fugmann-Heesing ist im folgenden dokumentiert.



  1. Ernst Klee, „Euthanasie" im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens", Fischer, S. 397
  2. Carl Schneider: Entartete Kunst und Irrekunst. Archiv für Psychiatrie - Band 110
  3. Gesammelte Schriften Band 17: Briefwechsel 1941-1948. Hrsg. von Gunzelin - Schmid Noerr, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ Main 1996

 

 

An die
Senatsverwaltung für Finanzen
z. H. Frau Senatorin
Dr. Annette Fugmann-Heesing



Errichtung eines Museums der Stiftung "Haus des Eigensinns" zur Aufnahme der Prinzhorn-SammlungTiergartenstr. 4

 

Sehr geehrte Frau Dr. Fugmann-Heesing,

mit diesem Schreiben möchten wir Sie um die Unterstützung des Landes Berlin bei der Realisierung des Museumsprojektes „Haus des Eigensinns" am Standort Tiergartenstr. 4 in Berlin-Tiergarten bitten.

Das geplante Museum dient der Erinnerung an die unter der Bezeichnung „Aktion T 4" durchgeführten „Euthanasie"-Verbrechen des Nationalsozialismus und zugleich zur Ausstellung der Bilder von Psychatriepatienten, insbesondere der weltberühmten sog. „Prinzhorn-Sammlung".

Der Freundeskreis, in dessen Namen wir Ihnen schreiben und dessen Mitglieder sich aus dem Briefkopf ergeben, hat sich am 26.01.1998 gegründet. Das Statut des Freundeskreises fügen wir in der Anlage bei. Ziel des Freundeskreises ist die Errichtung einer gleichnamigen Stiftung, deren Satzungsentwurf wir ebenfalls als Anlage beifügen. Zweck der Stiftung ist die öffentliche Ausstellung von Kunstwerken, die während psychiatrischer Behandlungen vor dem Jahre 1945 entstanden sind sowie die Aufrechterhaltung der Erinnerung an die unter der Bezeichnung „Aktion T 4" durchgeführten „Euthanasie"-Verbrechen des Nationalsozialismus. Zur Erreichung dieses Zweckes soll ein Museum an der historischen Stätte Tiergartenstr. 4 errichtet werden, das - in dieser Konzeption erstmalig - Denkmals- und Museumsfunktion miteinander verbindet.

Getragen wird die zukünftige Stiftung durch einen Stiftungsbetrag in Höhe von 1.775.000,00 DM, der von dem Treuhänder und Freundeskreismitglied Peter Raue für den Stifter verwaltet und in die Stiftung eingebracht werden wird; der Stifter möchte ungenannt bleiben. Die Stiftungsaufsicht des Landes Berlin hat zu dem vorliegenden Stiftungsentwurf bereits grundsätzliche Zustimmung signalisiert.

Ein Wort zur sog. „Prinzhornsammlung": Sie besteht aus Kunstwerken - hauptsächlich Bildern -, die von Psychatriepatienten und sog. „Geisteskranken" zwischen den Jahren 1880 und 1920 gemalt wurden. Bei den Künstlern handelt es sich vorwiegend um sog. „schizophrene" Patienten aus verschiedenen Kliniken der damaligen Zeit. Die Sammlung umfaßt über 5000 Werke und wurde auf Veranlassung des damaligen Leiters der psychatrischen Universitätsklinik Heidelberg, von dem Mediziner und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn, zusammengestellt. Seit dieser Zeit lagern die Werke im Keller der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. Dort sind sie einigermaßen provisorisch untergebracht und bislang nur in geringem Umfang ausgestellt worden. Die Sammlung stellt ohne Frage die weltweit umfangreichste und wertvollste Sammlung dieser Kunst dar. Ihre künstlerische - nicht ihre äußerst zweifelhafte medizinische - Bedeutung ist unstreitig.

Unser Freundeskreis hat über seine Mitglieder Peter Raue und Bischof Huber Kontakte zur Universität Heidelberg mit dem Ziel aufgenommen, über den geeigneten Standort und die Möglichkeit der Ausstellung dieser Kunstwerke zu verhandeln. Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. (BPE) unterstützt das Berliner Projekt ebenso wie der Bund der „Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten.

Die bisherigen Versuche, die Universität Heidelberg dazu zu bewegen, wenigstens einen Teil ihrer sog. „Prinzhorn-Sammlung" zu Ausstellungszwecken der geplanten Gedenkstätte in Berlin zur Verfügung zu stellen, sind gescheitert. Zeitgleich mit den „Berliner Bemühungen", hier eine Gedenkstätte an der Zentrale des Verbrechens zu errichten, hat die Universität Heidelberg im vergangenen Jahr ihre Bemühungen vorangetrieben, einen eigenen Raum zu schaffen, um die „Prinzhorn-Sammlung" dort aus- und vorzustellen.

Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. - zweifellos die legitime Stimme betroffener Psychiatriepatienten - und auch der Freundeskreis haben den Kampf um die Realisierung der Berliner Gedenkstätte nicht aufgegeben. Wir sind der festen Überzeugung, daß die Prinzhorn-Sammlung als Kunst der Opfer Anspruch auf einen eigenen, authentischen Platz der Ausstellung und des Gedenkens hier in Berlin hat. Das geplante Museum bietet hierzu nicht nur eine weit größer Ausstellungsfläche als das Projekt in Heidelberg. Es ermöglicht zugleich eine parallele Ausstellungsfläche zum Gedenken an die Opfer der „Euthanasie" und gibt damit erst den Raum für den Menschen, der als Künstler und Opfer wahrnehmbar gemacht werden muß, um die Dimension des Versagens menschlicher und ärztlicher Ethik und des Wertes und des Leidens der Betroffenen deutlich zu machen. Dies ist nicht in Heidelberg, sondern nur an einem von den Betroffenen geschaffenen Ort möglich.

Wir fügen diesem Schreiben eine Darstellung des Museumskonzeptes bei, die im ersten Teil Konzept und Struktur der Stiftung sowie Pläne und Modelle des geplanten Museums enthält und im zweiten Teil inhaltliche Überlegungen zu der Museumskonzeption anstellt.

Wir möchten noch einmal betonen, daß es mit dem geplanten Museum auch und gerade um die museale Funktion geht. Wir sind sicher: Wenn das Museum errichtet ist, werden auch die Bilder der Prinzhorn-Sammlung folgen. Der Fundus der Sammlung ist so groß, daß nach Auswahl der Ausstellungswerke für Berlin noch mehr als genug für eine Präsentation in Heidelberg übrig ist. Durch diese Konzeption unterscheidet sich das Museum „Haus des Eigensinns" von den übrigen Erinnerungsstätten der Schrecken des Nationalsozialismus. Es wäre gleichwohl integrierter Bestandteil der dezentralen Erinnerungskultur, die sich hier in Berlin so sehr bewährt hat. Das Museumsprojekt wird deshalb von den bereits vorhandenen Gedenkstätten Sachsenhausen, Topographie des Terrors und Haus der Wannsee-Konferenz unterstützt. Für alle Opfergruppen trägt es zum Begreifen der Entstehung des Geschehenen bei.

Deshalb bitten wir Sie und das Land Berlin um Ihre Unterstützung. Ermöglichen Sie das Museumsprojekt durch die Überlassung der hierfür benötigten Grundstücksfläche auf dem Areal der früheren Tiergartenstr. 4. Diese Fläche befindet sich, wie sich aus der ebenfalls beigefügten Flurkarte ergibt, zwischen der Philharmonie und dem Kunstgewerbemuseum und wird gegenwärtig als Busparkplatz genutzt. Die Realisierung des Museumskonzeptes würde die Funktion des Busparkplatzes und der Tiergartenstr. in keiner Weise beeinträchtigen, da das Museum auf Stelzen stehen wird, wie es sich aus den im Museumskonzept enthaltenen Plänen ergibt. Das Grundstück der Tiergartenstr. 4 ist Verkehrsfläche, grundbuchlich nicht verzeichnet und steht im Eigentum des Landes. Wir bitten das Land Berlin, der zukünftigen Stiftung die Verkehrsfläche zu überlassen und so von Berliner Seite dieses bislang ausschließlich von privater Initiative getragene Projekt zu unterstützen.

Für weitere Informationen möchten wir auf die Homepage

http://www.fu-berlin.de/soziologie/eigensinn

hinweisen.


Mit freundlichen Grüßen

Persönliche Unterschrift von:

Dorothea Buck
Prof. Henry Friedlander
Dr. Ram Ishay
Bischof Prof. Wolfgang Huber
Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter
Prof. Dr. Walter Jens
Dr. Ellis Huber
Dr. Norbert Kampe
Prof. Dr. Peter Raue

 


 

Landesverband
Psychiatrie-Erfahrener
Berlin-Brandenburg e.V.
im Werner-Fuß-Zentrum
Haus der Demokratie und Menschenrechte
Greifswalder Straße 4
10405 Berlin

www.psychiatrie-erfahrene.de

 

11.September 2001

 

Presseerklärung
des Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin Brandenburg e.V.,
zur Pressekonferenz am 11.9.2001 in Heidelberg

Mit Abscheu und Entsetzen müssen Psychiatrie-Erfahrene zur Kenntnis nehmen, daß die Heidelberger Universität eine permante Ausstellung der sog. "Sammlung Prinzhorn" in einem Hörsaal der Psychiatrie/Neurologie, in denen der Mörder Carl Schneider das sagen hatte, am 13.9.eröffnen wird. Dieses schamlose Projekt läßt sich zusammenfassen als Beutekunst im Hörsaal der Mörder.

Stattdessen sollen die Kunstwerke vollständig in den Besitz des BPE für die Ausstellung im "Haus des Eigensinns – Museum der Wahnsinnigen Schönheit" übergehen. Die Realisierung dieser Gedenkstätte in der Tiergartenstr. 4 ist durch das Ende der CDU Regierungsbeteiligung in Berlin in greifbare Nähe gerückt.

Seit dem Brief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener vom 15.1.1998 ist dem Rektor der Universität Heidelberg, dem Kultusministerium der Baden Würtembergischen Regierung und der Heidelberger Universitätspsychiatrie bekannt, daß die Sammlung bösgläubig erworben wurde und deshalb nie in das Eigentum der Universität übergegangen ist (wir verweisen nochmals auf die Expertise des Urheberrechts-Spezialisten Prof. Raue vom 3. Juli 1996). Die Universität hat diese Expertise indirekt dadurch anerkannt, daß sie nie versucht hat Copyrights gegenüber der Initiative "Haus des Eigensinns" geltend zu machen, da sie offensichtlich keine Copyrights hat. Wir fordern die Medien deshalb hiermit auf, ohne Einverständnis der Heidelberger Universität intensiven Gebrauch von den Werken der verfolgten Künstler zu machen, die Hans Prinzhorn und die Heidelberger Universität als kolonialisierende Herrschaftsinstitution an sich gerissen hat, um ein "psychopatholgisches Museum" zu errichten, einen Ort der Verleumdung und Stigmatisierung der Künstler und ihrer Kunst als "geisteskrank".

Dieses Anliegen erfährt nun seine perfide Vollendung: ein Sammler als Beutemacher soll geehrt werden – die Kunst pathologisiert werden, selbst wenn die Identität der Künstler unbekannt ist – deren Schicksal hat die Kolonial herren sowieso nur insoweit interessiert, wie sie psychiatrisch verleumdet werden konnten.

Der Heidelberger Universität ist bewußt, welch Böses sie tut, versucht doch der Rektor Siebke durch Täuschung der Öffentlichkeit davon abzulenken, daß der angebl. "neurologische" Hörsaal nie Teil des "Imperiums" von dem mörderischen Psychiater Prof. Carl Schneider gewesen wäre. Tatsächlich weisen die öffentlich zugänglichen Vorlesungsverzeichnisse der Universität Prof. Carl Schneider als Direktor der psychiatrisch/neurologischen Klinik in der Voßstr. aus, die behauptete Trennung in eine neurologische und eine psychiatrische Klinik gibt es nur in den Täuschungsbemühungen von Rektor Siebke, der Universitätspsychiatrie und der Kustodin der Prinzhornsammlung, die diese Schutzbehauptung unterschrieben haben. Sie würde auch dem biologistischen Verständnis eines Nazi-Psychiaters widersprechen, für den "das Blut" und die Erblehre für die Psyche ausschlaggebend ist.

Dass das Vertuschungsbemühen der Universität im Vordergrund des ganzen Umbaus des Hörsaals steht ist dadurch offensichtlich, daß die Kompromissangebote von Bischof Prof. Wolfgang Huber und Prof. Raue, die diese im Auftrag des Freundeskreis "Haus des Eigensinns" ausgelotet hatten, von Prof. Siebke und der Prof. Mundt vom Tisch gefegt wurden. Statt dessen wurden die Mittel für den Umbau dann und erst dann vom Land bereitgestellt, nachdem die Pläne für das "Haus des Eigensinns" der Kustodin der sog. "Prinzhorn Sammlung", Frau Jadi, im Sommer 1996 bekannt wurden. Es handelt sich also bei dem Umbau dieses Hörsaals um eine Abwehrreaktion auf unsere Initiative die Bilder in einem "Museum der Wahnsinnigen Schönheit" öffentlich zu machen. So sollen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Heidelberger Universität vertuscht werden. Und für diese Art der Weißwasch -"Geschichtsbewältigung" soll jetzt auch noch Beutekunst der Universität herhalten.

Diese Form der "Erinnerung" soll nur das Vergessen gewährleisten!

Wir nennen dies:

Wir rufen auf, die von der Antifaschistischen Initiative Heidelberg organisierten Proteste gegen die Eröffnung der sog. "Sammlung Prinzhorn" zu unterstützen.

Der Vorstand des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg e.V.

Für den Vorstand

Uwe Pankow



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